Bernd Streiter
Mödlich, 22.3.2003
Liebe Britta,
Deinen Brief mit den Fragen zu meinen Arbeiten habe ich dankend erhalten. Es fällt mir schwer, Dir feuilletonistisch und minutiös eine erschöpfende Auskunft zu geben. Eher möchte ich Dir von dem erzählen, was mich beim Radieren immer wieder bewegt und antreibt – die Faszination des Bildermachens.
Früher habe ich nur aus der Begeisterung des Zeichnenkönnens gearbeitet. Strunk und Stiel brachte ich da aufs Papier – Gesichter, Hände, skurrile Gestalten und Landschaften – saß in langweiligen Ich-kann-malen-Zirkeln und kaute das Stiftende kraus. Eifriger Fleiß, der mir für Tage einen warmen Ofen bescherte.
Schließlich entdeckte ich die Literatur und die Radierung für mich – genau die richtige Verbindung für solch alten Schwätzer. Asphaltlack, Radiernadeln, alte Lappen, Benzin und Terpentin. Der Duft all der Ingredenzien faszinierte mich. Die alte Druckerpresse – glänzend, metallisch schwarz und schwer in der Werkstatt – ich war verliebt, hatte etwas gefunden, was irgendwie zu mir gehörte. Und dann kamen die Bilder. Zu den Gedichten eines Freundes begann ich Landschaften zu radieren.
Ich erlebte den intensiven Kontakt mit der Platte, der man jede Feinheit anvertrauen konnte, in stillen Stunden bei alter Musik und dem Einssein mit einem neuen Motiv. Selbstvergessenes Geklapper der Werkzeuge, die man abwechselnd benutzt. Die Nadel, den Polierstahl, wieder die Nadel. Stille Gespräche mit Freunden, gute Bücher, Wein, Frauen und Tabak gehörten stets zur Atmosphäre. Dabei merkt man gar nicht, wie man Zeit reflektiert, ohne bedeutend in ihr zu sein. Irgendeiner Gegenwart ist man immer ausgesetzt; aber das, was still meine Flucht vor dem Alltäglichen bedeutete, schält sich hinterher ironischerweise als subtile Auseinandersetzung heraus.
So habe ich immer etwas neben mir gestanden, wenn ich radierte, und genoß die Stunden und Tage mit der Platte, in die ich ritzte, ätzte, polierte, während draußen Politik und Jahreszeiten wechselten. Keinen vor meinen Fenstern habe ich beneidet: War doch ein ganzer Himmel von Bildern nur für mich da! Zwischendurch gab es Bücher. Freunde kamen herein und brachten mir Ihre Lieblingsliteratur ins Haus. Ich sog auf, was mir gefiel, las Trakl, Gottfried Benn, Stefan George u.v.a., Bücher und Bilder begannen Hand in Hand zu gehen. So oft ich konnte, habe ich während der zwei Jahre des Anfangs im Kupferstichkabinett gesessen und fuhr heimlich mit den Fingerkuppen wie ein Blinder über die Blätter von Dürer, Herkules Seghers, Rembrandt, Turner, Piranesi, Klinger, Goya, Kollwitz, Degenhardt und Gerenot Richter.
Die Radierung ist eine unwahrscheinlich sinnliche grafische Technik. Wenn man ganz viele Platten gemacht hat, spürt man den Grauton mit den Händen auf dem Metall, und die Linien auf den Drucken meint man greifen zu können. Jedes gute Blatt ist ein Schatz, und oft bleibt nur ein tiefes Staunen, wenn kaum jemand mit mir die Sinnlichkeit und Seele eines Druckes spürt. Vier Eckpunkte einer Platte umreißen ein Stück Welt, in das ich eintauchen kann. Sie erfordern Intensität und totale Konzentration. Wehe dem, ich bin nicht bei der Sache! Schon wird alles schal und mittelmäßig. Das Leiden beginnt da, wo die Begeisterung für die nächste Platte aufhört. Tage und Wochen, manchmal sogar Monate der Leere und des Unvermögens.
Alles, was Du von meinen Arbeiten sehen konntest, entstand in Stille und Ekstase. Selten war eine Vorzeichnung vonnöten, meistens arbeitete ich sofort in die Platte – eine Methode, mit der die Ursprünglichkeit erhalten blieb. Ob ich von der Kunst leben kann? Manchmal ja, aber überwiegend nicht. Ginge es nur darum, gäbe es wohl keine Bilder. Wenn es nur immer so gut ginge, dass ich mit lauterer Seele zum nächsten Blatt gelangte. Manchmal helfen der Wein, eine Wanderung entlang der sommerlichen Havel oder die Begegnung mit einer guten Frau. Ich umarme Dich und wünsche Dir einen stürmischen Herbst voller Astern.
Dein Bernd Streiter
Bernd Streiter